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Bürger und Juden. Die Familie Wyler-Bloch in Zürich 1880-1954. Biografie als Erinnerungsraum

Erich Keller

Gross waren die Hoffnungen der jüdischen Schweizer auf Gleichberechtigung im Bundesstaat. Doch der Zerfall der Hegemonie des Bürgerblocks in der Zwischenkriegszeit, der zunehmende Antisemitismus, aber auch das starke politisch-­kulturelle Kraftfeld des Zionismus stellten das Selbstverständnis des jüdischen Bürgertums in Frage. Nach dem Zweiten Weltkrieg, der weitgehenden Vernichtung des euro­päischen Judentums und der Gründung des Staates I­srael im Jahre 1948 war nichts mehr wie zuvor. Dies zeigt die Geschichte zweier Generationen der Familie Wyler-Bloch.

Joseph Wyler und Martin Bloch gelang am Ende des 19. Jahrhunderts in Zürich, was ihren Vätern noch verwehrt gewesen war: Sie bauten sich eine bürgerliche Existenz auf, bildeten zusammen mit anderen wirtschaftlich erfolgreichen Männern eine bürgerlich-jüdische Stadtelite, die «Generation 1900», ein Netzwerk politisch-ökonomischer Geselligkeit, das sich dezidiert gegen links und gegen «ostjüdische» Immigranten abgrenzte.

Ungeachtet seiner säkularen Überzeugung wurde der Tuchhändler Wyler zweiter Präsident der Israelitischen Cultus­gemeinde Zürich (ICZ). 1908 kostete die von ihm vorangetriebene Gründung der «Augustin-Keller-Loge» ihn das Amt. Sein Freund, der freisinnige Bloch, blieb politisch erfolglos, brachte es indessen zum Präsidenten des Vereins der Zürcher Rechtsanwälte. 1933 endete das öffentliche Leben Martin Blochs abrupt, als die politischen Auseinandersetzungen innerhalb der jüdischen Gemeinde angesichts der Machtübernahme der Nationalsozialisten einen dramatischen Höhepunkt erreichten.

1925 hatten die beiden Herren zwei ihrer Kinder miteinander verheiratet: Hugo Wyler, der mit seinem Schwiegervater die Advokatur Bloch-Wyler gründete, und Gertrud Bloch, die sich gegen den elterlichen Widerstand für den Zionismus engagierte. Die Kanzlei geriet schon vor Kriegsbeginn immer stärker ins Schlingern. Dennoch wurde Hugo Wyler Honorarkonsul von Monaco und leistete, von der Geistigen Landesverteidigung befeuert, ab 1939 Militärdienst, während Gertrud Wyler-Bloch sich für Flüchtlinge einsetzte. 1954 bereiste sie zum ersten Mal als Mitglied einer Delegation den noch jungen Staat Israel.

Der Autor schreibt eine Kulturgeschichte des Sozialen, die den Bogen von der jüdischen Emanzipation in der Schweiz bis zu den Auswirkungen der Gründung des Staates Israel schlägt. Dabei stützt er sich zu grossen Teilen auf den Nachlass der Familie Wyler-Bloch, der durch seine anschaulichen schriftlichen und fotografischen Quellen besticht. Auf inspirierende Weise werden die Beziehungen und Brechungen jüdisch-schweizerischer Selbstentwürfe zweier Generationen sichtbar gemacht.