Medizinischer Wandel im Kalten Krieg

Die Entstehung der Nephrologie am Inselspital Bern (Abstract zum Buchprojekt)

Die Wissenschaft von den Nierenkrankheiten war in den 1960er Jahren ein Schauplatz jenes medizinischen Wandels, in dem einige Beobachter aufgrund neuer spektakulärer Möglichkeiten eine «therapeutische Revolution» sahen. Die Massenmedien berichteten, allerdings nicht immer enthusiastisch. So beschrieb die Boulevardzeitung Blick 1966, wie sich Werner Stäger, Bergführer und Skilehrer des traditionsreichen englischen Skiclubs Downhill Only, vom «Tode losgekauft» habe. Stägers Nieren versagten, der Vergiftungstod drohte dem Mann, «der unzählige Menschen aus den Wänden und Gräten der Berner Oberländer Berge gerettet hatte». Für 65’000 Schweizer Franken kaufte Stäger in London eine Künstliche Niere und liess sie in sein Chalet in Lauterbrunnen einbauen.

Dreimal wöchentlich für zehn Stunden mit der Maschine verbunden, überlebte Stäger als einer der ersten Menschen in der Schweiz den dauerhaften Organausfall. Das Boulevardblatt stimmte dennoch kein Loblied auf den medizinischen Fortschritt an. Stattdessen problematisierte die Zeitung die Zugänglichkeit der spitzenmedizinischen Errungenschaft. Stägers Rettung sei eine «Frage der Finanzen». Zum hohen Preis seiner Künstlichen Niere kamen Betriebskosten von 20'000 Schweizer Franken jährlich. Weil keine Sozialversicherung zahlte, hätte Stäger ohne Unterstützung seiner wohlhabenden englischen Frau keinen Nutzen aus der lebenserhaltenden Medizintechnik gezogen.

Die Boulevardzeitung Blick berichtete 1966 von der ersten Heimdialyse in der Schweiz.

Tatsächlich war das Behandlungsangebot für Menschen mit chronischem Nierenversagen in der Schweiz der 1960er Jahre klein. Die Finanzierung grosser Dialyseprogramme mussten erst noch geregelt werden. Am Inselspital Bern, dem Universitätsspital in Stägers Nähe, führten Ärzte zwar ab 1965 Langzeitdialysen durch, die Platzzahl war aber beschränkt. Noch zuvor – 1964 – hatten zwei erste Nierentransplantationen mit dem Tod der schwerkranken Patientinnen geendet. Wiederholt transplantiert wurde am Inselspital erst ab 1968. Heute unterziehen sich rund 4500 Menschen in der Schweiz regelmässig Hämodialysen, jährlich werden bis zu 360 Nieren übertragen.

Patient an einer Künstlichen Niere auf der Langzeitdialysestation des Inselspitals Anfang der 1970er Jahre.
(Foto: Ernst Grob, Inselspital, Privatarchiv Descoeudres)

Das Buch zeigt am Beispiel des Inselspitals auf, wie Langzeitdialyse und Nierentransplantation bei chronischem Nierenversagen von experimentellen zu routinemässigen Behandlungen wurden, aber auch, welche gesellschaftlichen Fragen diese Ausweitung der nephrologischen Möglichkeiten aufwarf und wie die betroffenen Patientinnen und Patienten ihren Bedürfnissen Geltung zu verschaffen versuchten. Ausgangspunkt ist die Entwicklung der Medizinischen Poliklinik der Universität Bern zu einem nephrologischen Zentrum mit internationalem Ruf nach der Wahl von François Reubi zum Klinikdirektor 1954.

Ziel ist eine historisch-kritische Darstellung zur Geschichte der Nephrologie am Inselspital, die Medizinerinnen, von Nierenkrankheiten betroffene Menschen und Historiker genauso wie eine an der Geschichte der medizinischen Wissenschaften interessierte Öffentlichkeit anspricht. Den medizin- und wissenschaftsgeschichtlichen Forschungsstand berücksichtigend basiert das Buch auf Interviews mit letzten Zeitzeugen, die die Anfänge von Langzeitdialyse und Nierentransplantation am Inselspital miterlebt haben, sowie auf einer sorgfältigen Auseinandersetzung mit Archivalien, Patientendokumenten, Medienberichten und mit der nephrologischen Fachliteratur der Zeit. Über die Geschichte der Nephrologie hinaus vermittelt das Buch Einblicke in die Neuausrichtung des Schweizer Wissenschaftsbetriebs auf die USA nach dem Zweiten Weltkrieg, in die Finanzierung teurer Therapien, in zeitgenössische Debatten nach wie vor aktueller medizinethischer Fragen und in die Geschichte von Selbsthilfegruppen.

Niklaus Ingold, Herbst 2018

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