Leben unter der verdunkelten Sonne

Niklaus Ingold spricht am Deutschen Medizinhistorischen Museum über die Lichtbadekultur der Weimarer Republik und die  Klimaforschung der 1920er und 1930er Jahre. Strandlandschaften mitten in der Grossstadt und Ultraviolettstrahler für regelmässiges Lichtduschen zu Hause waren Antworten auf die zeitgenössischen Debatten um ein vom Menschen geschaffenes, künstliches Klima in urbanen Räumen, das besondere Massnahmen zur Erhaltung der Gesundheit nötig mache. Der Vortrag zeigt, wie Messungen zur Stärke von Sonnenstrahlen im 20. Jahrhundert kritische Debatten zur Reichweite menschlichen Handelns beförderten. (Bild: Fotoreportage aus dem Schweizer Familien-Wochenblatt, 1935)

24.10.2018, 19 Uhr, Deutsches Medizinhistorisches Museum, Anatomiestrasse 18–20, Ingolstadt.

Das Streben nach Fitness als Dystopie

Nein, derart gesund wollten die Filmschaffenden um Regisseur Roman Hollenstein nicht sein. Im Film «JE KA MI oder Dein Glück liegt ganz in dieser Welt» (Schweiz, 1978) wendeten sie sich gegen Gesundheitskampagnen von Sportverbänden und Fitnessunternehmen, die das Streben nach einem durchtrainierten, schlanken Körper als Weg zu Wohlbefinden und Glück propagierten. Für sie verbreitete diese «Gesundheitserziehung» ein Leistungsdenken, das allein auf die Herstellung wirtschaftlich nutzbarer Körper abziele und damit im Interesse der Herrschenden sei: der Unternehmer, der Militärs, der Regierung.

1978 an den Solothurner Filmtagen uraufgeführt ist JE KA MI ein Beispiel für die kritische Auseinandersetzung mit dem Streben nach Fitness in einer Zeit gesellschaftlichen und kulturellen Wandels. Niklaus Ingold benutzt den Film in seinem Beitrag zum Buch Stress und Unbehagen. Glücks- und Erfolgspathologien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Quelle, um die Anfangsphase des anhaltenden Fitnessbooms zu untersuchen. Der Beitrag handelt von ändernden Vorstellungen davon, was einen gesunden Körper ausmacht, und von unterschiedlichen gesellschaftlichen Problematisierungen dieser Gesundheitskonzepte.

Niklaus Ingold: Fitness als Glück? Gesundheit, Unbehagen und kein Sex im Film JE KA MI, in: Stephanie Kleiner und Robert Suter (Hg.): Stress und Unbehagen. Glücks- und Erfolgspathologien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Berlin: Neofelis 2018, S. 99-126.

Strahlenmedizin. Krebstherapie, Forschung und Politik in der Schweiz, 1920-1990

Energiereiche Strahlen werden in der Schweiz bei jeder zweiten Krebspatientin, jedem zweiten Krebspatienten zur Zerstörung von Tumorzellen eingesetzt. Doch wie ist diese technisch aufwendige Strahlenmedizin entstanden?

Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am Ende des Zweiten Weltkriegs waren das folgenreiche Ereignis. Sie gaben medizinischem Wissen über Strahlenwirkungen auf den Menschen grosses sicherheitspolitisches Gewicht und trieben die Umsetzung ziviler Anwendungen der Atom- und Strahlenforschung an – auch in der Schweiz.

Hatten bis dahin Radiumstiftungen die Strahlenmedizin gefördert, trugen ab nun Bundesgelder zum Ausbau der hochtechnisierten Radiotherapie bei. Die Computertechnik des Kalten Kriegs dynamisierte diese Entwicklung.

Niklaus Ingold, Sibylle Marti und Dominic Studer zeigen, wie vielfältige Interessen die Anwendung von Strahlen in der Medizin gestalteten – medizinische und wissenschaftliche, aber auch militärische, politische und wirtschaftliche.

Vernissage: 5. Dezember 2017, 17.15 Uhr, Universität Bern, Auditorium Ewald Weibel, Anatomie-Gebäude, Bühlstr. 26.

Popmusik, Archiv, Geschichte

Erich Keller ist 2016 Gast im Sozialarchiv. Er hat eine Veranstaltungsreihe konzipiert zu den vielfältigen Beziehungen zwischen Popmusik, Wissenschaft und Archiv. An den drei Abenden spielt neben den Gesprächen auch die Popmusik selber eine zentrale Rolle.

Tonaufnahmen der Veranstaltungen sind auf dem Fachportal infoclio.ch online zugänglich.

Freitag, 7. Oktober, 20 Uhr (Bar ab 19 Uhr): Musik sammelnmit Showblock: „Musikraten“ mit Christian Schorno, Schweizerisches Sozialarchiv (Theater Stadelhofen), Veranstaltungsflyer herunterladen

Mittwoch, 2. November, 20 Uhr (Bar ab 19 Uhr): Popmusik, Archiv und Recht mit Präsentation zum Montreux Jazz Digital Project, Photobastei (Sihlquai 125, 8005 Zürich), Veranstaltungsflyer herunterladen

Mittwoch, 16. November, 20 Uhr (Bar ab 19 Uhr): Musik erforschen mit Showblock: Malmzeit – Heavy Metal Lieferservice, Photobastei (Sihlquai 125, 8005 Zürich),  Veranstaltungsflyer herunterladen

Gesundheit, Macht, Kunst

Der Mediziner John H. Kellogg gehörte um 1900 zu den Erfindern einer neuen Gesundheitsindustrie. Ausgehend von seiner Gesundheitslehre und seinen Behandlungsmethoden erkundet die Künstlerin Marta Riniker-Radich Wellnesstrends, Schönheitskulte und Gesundheitswahn . Ihre aktuelle Ausstellung im Aargauer Kunsthaus bietet Gelegenheit zu einem Gespräch über den modernen Umgang mit dem Körper, überMacht und Kunst. Mit Marta Riniker-Radich, Niklaus Ingold und Katrin Weilenmann (Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Aargauer Kunsthaus), 23.06.2016, 18.30 Uhr, Aargauer Kunsthaus, Aargauerplatz, Aarau.

Rassismus vergegenwärtigen

Drei Provokationen mit Publikum

Weshalb verteidigten Berner/innen den Sklavenhandel? Wann hörten die Berner auf von Klasse zu reden, stattdessen von Kultur ? Wie funktioniert eigentlich rot-grüner Rassismus? Drei Experten präsentieren drei Episoden in Bern.  Mit dem Publikum suchen sie Antworten.Provokationen von Bernhard Schär, Andreas Zangger und Rohit Jain im Rahmen der Aktionswoche der Stadt Bern gegen Rassismus und in Zusammenarbeit mit cooperaxion und der Informationsstelle für Ausländerinnen- und Ausländerfragen isa.

Freitag, 18. März 2016, 19.30 – 21.30 Uhr, Kulturpunkt im PROGR, Speichergasse 4. Weitere Informationen auf dem Flyer.

Der Kaffee und die koloniale Schweiz

Als Wachmacher und Ernüchterer wird Kaffee schon seit der Aufklärung geschätzt. Nur wenige Produkte beeinflussten unsere Kultur und veränderten die sozialen Räume in gleichem Masse wie der Kaffee. Als globalisiertes Gut mit kolonialer Vergangenheit steht er sinnbildlich für die Verknüpfung der Schweiz mit der Welt. Die Erfreuliche Universität widmet sich im Dezember diesem Getränk der Aufklärung.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts erlebt der Kaffee eine Hochblüte . In der Folge etablierte sich die exotische Bohne als kulinarisch-kulturelles Massengut. Das Fundament dieses Aufstiegs war der kolonial betriebene Plantagenbau. Was heute oft vergessen geht: Auch Schweizer Unternehmen beteiligten sich im grossen Stil an der kolonialen Maschinerie, nicht nur im Kaffeeanbau; Ostschweizer Textilien wurden in den globalen Süden exportiert, Tabak und Kautschuk importiert. Allein an der Ostküste Sumatras waren um 1900 ein Drittel der 51 Kaffee-Plantagen im Besitz von Schweizer Unternehmen.

Am Beispiel von Niederländisch Ostindien spricht der Historiker Andreas Zangger über die Schweizer Beteiligung am internationalen Plantagenkapitalismus. An diesem brisanten Stück Globalgeschichte zeigt er als Kenner der kolonialen Schweiz Zusammenhänge auf und diskutiert vorherrschende Geschichtsbilder.

Die erfreuliche Universität, Palace, St. Gallen, Donnerstag, 17. Dezember, 20.15 Uhr.

Ein Buch in einem Bild

Für die Ausstellung Licht im Rahmen zeitgenössischer Forschung haben vier Fotografinnen und Fotografen Forschungsprojekte künstlerisch umgesetzt. Pascale Weber hat sich das Buch Lichtduschen von Niklaus Ingold vorgenommen. Das Ergebnis ist vom 4. bis 6. September 2015 an den Zürcher Wissenschaftstagen Scientifica im Hauptgebäude der Universität Zürich (Stock F) und vom 5. bis 11. November 2015 in der Photobastei (Sihlquai 125) zu sehen. Der Autor beteiligt sich zudem am 6. September 2015 an einem Science Café (Polyterrasse, Bar bQm, 11.30-12.30 Uhr) zum Lichtkult des frühen 20. Jahrhunderts.

«Wir sind nicht betroffen» – die Schweiz und der Kolonialismus

Provokativ nennt Frantz Fanon Europa ein Produkt der Kolonien. Der Expansionsdrang, der mit den Entdeckungsfahrten in der Renaissance begann, prägt bis heute unseren Kontinent, und ganz besonders unsere global vernetzte Schweizer Wirtschaft. Mit Nachwuchs-Forschern aus Geschichte und Kulturwissenschaft lädt Andreas Zangger zu einer Entdeckungsfahrt der anderen Art ein. Wovon reden wir, wenn wir von «der Schweiz» reden?

Dieses Kolloquium ist ein Begleitprogramm des Theaterstücks «Sturm in Patumbah» der Theatergruppe Mass + Fieber. Es findet  im Rahmen der Zürcher Festspiele im Johann Jacobs Museum statt.

Mit Lea Haller, Historikerin, Rohit Jain, Kulturwissenschaftler und Andreas Zangger, Historiker (Moderation)

Samstag, 4. Juli 2015, 14–16 Uhr, Johann Jacobs Museum

Tour du monde im Seefeld

Die Villen und Gärten des Zürcher Seefeldquartiers stehen als Zeugen des Unternehmensdrangs der Schweizer Wirtschaft im 19. Jahrhundert: Hier bauten die «Überseer» ihre Häuser, hier finden sich die Spuren einer weltweiten Vernetzung, die bis heute Früchte trägt. Die Schweiz hatte keine Kolonien, aber in den Kolonien gelangten auch Zürcher Wirtschaftsfamilien mit Handelshäusern und Plantagen zu Reichtum. Das Seefeld kann so als Schaltzentrale eines «heimlichen Imperiums» gesehen werden. Der Rundgang von Andreas Zangger erweitert den Blick auf die Welt – und auf die eigene Stadt.

Diese Veranstaltung findet im Rahmen der Zürcher Festspiele als Begleitprogramm zum Theaterstück Sturm in Patumbah der Theatergruppe Mass + Fieber statt. Rundgänge am 20. Juni 2015 um 15:00 Uhr und am 30. Juni 2015 um 18:30 Uhr. Treffpunkt in der Villa Patumbah.

Lichtduschen. Geschichte einer Gesundheitstechnik, 1890-1975

«Lichtduschen» war die Bezeichnung für kurze Bestrahlungen des Körpers mit Ultraviolettlicht. Ab den 1920er Jahren vermarktete die Elektroindustrie diese Praktik als gesundheitsförderndes Handeln, das Männern, Frauen und Kindern zu einem erfolgreichen Leben in der modernen Welt verhelfe.

Anhand des Lichtduschens erzählt Niklaus Ingold die Geschichte der Verwissenschaftlichung und Kommerzialisierung der Lichtaussetzung des Körpers. Die Untersuchung folgt einem technowissenschaftlichen Projekt, das mit der Verwendung elektrischer Lampen als Sonnenmodelle in lichtbiologischen Experimenten und medizinischen Behandlungsversuchen begann. In der Forschungsliteratur, in lebensreformerischen Gesundheitsratgebern und in den Massenblättern westlicher Gesellschaften nahm eine spezifische Vorstellung gesunden Lichts Gestalt an.

Das Buch ist 2015 im Chronos Verlag erschienen.

Das Ende der Geschichte ist noch nicht erzählt: 5-Uhr-These zur Ausstellung «Geschichte in Geschichten»

Der Historiker und Autor Erich Keller im Gespräch mit Daniel Morgenthaler, Kurator am Helmhaus Zürich.
25. März 2015, 17 Uhr, Helmhaus Zürich, Limmatquai 31, Zürich

Die Gesprächsreihe findet zweimal statt und stellt eine These zur aktuellen Ausstellung «Geschichte in Geschichten» zur Debatte.  Mehr Informationen finden Sie auf dem Flyer zur Ausstellung und auf der Helmhaus-Website.

Ausser Betrieb. Metamorphosen der Arbeit in der Schweiz

Der Sammelband untersucht ebenso unterschiedliche Arbeitsformen ausserhalb von Industriebetrieben wie die Integration ausserbetrieblicher Dienstleistungen in privatwirtschaftliche Unternehmen. Unter den fünfzehn Beiträgen befindet sich ein Aufsatz, in dem sich Niklaus Ingold zusammen mit Flurin Condrau mit der Geschichte der «Gesundheitserziehung» am Arbeitsplatz befasst. Die Buchvernissage findet am Freitag, 13. März 2015, um 19 Uhr im Schweizerischen Sozialarchiv statt .

Bürger und Juden. Die Familie Wyler-Bloch in Zürich 1880-1954. Biografie als Erinnerungsraum

Buchpräsentation und Filmvorführung: 4. Dezember 2014 , 18 Uhr, Kino Houdini, Badenerstrasse 173, Zürich.

Es sprechen: Prof. Dr. Jakob Tanner, Universität Zürich,Dr. Gregor Spuhler, Archiv für Zeitgeschichte. Vorführung des Films für die Hochzeit von Dr. Hugo Wyler und Trudy Bloch (1925), mit erläuternden Kommentaren von Dr. Erich Keller (Autor) und Erika Gideon-Wyler. Anmeldung erbeten unter afz@history.gess.ethz.ch

Inhaltsangabe

Koloniale Schweiz. Ein Stück Globalgeschichte zwischen Europa und Südostasien (1860-1930)

Kolonialismus ist in der Schweiz kaum ein Thema. Doch obwohl das Land keine Kolonien hatte, lassen sich schweizerische Unternehmen und Migranten in allen Kolonien der Welt finden.

Am Beispiel der Handelsstadt Singapur und des Plantagengürtels in Sumatra untersucht Andreas Zangger die Beziehungen der Schweiz zum Kolonialismus zwischen 1860 und 1930. Mittels migrationsgeschichtlicher und transnationaler Ansätze zeichnet er den Aufbau von Netzwerken nach und analysiert die Beziehungen zu den Kolonialmächten sowie zu den Kolonisierten. Zangger legt dabei Verflechtungen zwischen der Schweiz und Südostasien offen und zeigt die Bedeutung der sogenannten «Schweizer Kolonien» in Übersee für Industrie, Handel und Wissenschaft in der Schweiz.

Weitere Informationen zum Buch finden Sie beim Transcript-Verlag.